Tianwen-2: China greift nach einem kosmischen Rätsel

Tianwen-2 KI Bild

Als am 28. Mai 2025 vom Weltraumbahnhof Xichang in der südwestchinesischen Provinz Sichuan eine »Langer Marsch 3B/E« in den Himmel stieg, begann ein neues Kapitel der planetaren Forschung.

An Bord: Tianwen-2, »Fragen an den Himmel«. Diese Sonde soll mehr als nur einen Asteroiden besuchen. Sie ist der ehrgeizigste Versuch Chinas, die Ursprünge des Sonnensystems buchstäblich in Händen zu halten.

Ein Himmelskörper wie kein anderer

Ihr erstes Ziel ist der erdnahe Asteroid 469219 Kamoʻoalewa, ein nur 40 bis 100 Meter großer Felsbrocken, der der Erde auf einer hufeisenförmigen Bahn folgt. Er bewegt sich fast im Gleichtakt mit der Erde um die Sonne. Aus irdischer Perspektive scheint er uns ständig zu begleiten, kein Mond, aber ein kosmischer Schattenläufer.

Das Objekt ist zugleich ein Rätsel. Spektralanalysen zeigen, dass seine Oberfläche dem verwitterten Gestein des Mondes ähnelt. Könnte er ein Bruchstück des Mondes sein, fortgeschleudert durch einen uralten Einschlag? Eine andere Theorie sieht in ihm einen ungewöhnlich rot gefärbten S-Typ-Asteroiden. Erst Tianwen-2 soll entscheiden, was stimmt.

Das waghalsige Rendezvous

Die Herausforderungen sind enorm. Kamoʻoalewa rotiert in nur 28 Minuten um sich selbst, seine Schwerkraft ist kaum messbar. Eine Landung wäre sinnlos, die Sonde würde eher wegschweben als aufsetzen. Stattdessen soll Tianwen-2 im Sommer 2026 ein Touch-and-Go-Manöver durchführen: Für Sekundenbruchteile berührt sie die Oberfläche, wirbelt mit einem Projektil Staub auf und saugt ihn ein. Alternativ steht ein neuartiges »Anchor-and-Attach«-System bereit, bei dem vier Roboterarme mit Bohrern die Sonde verankern. Eine Premiere im All.

Die CNSA will mindestens 100 Gramm Regolith einsammeln. Nach der Entnahme zündet Tianwen-2 eine Mini-Sprengladung, um Material aus tieferen Schichten freizulegen. Die Rückkehrkapsel wird den Schatz Ende 2027 in China landen lassen, mit einer Geschwindigkeit von rund 12 Kilometern pro Sekunde, etwa 35-mal schneller als ein Düsenjet. Ein speziell entwickelter Sphären-Kegel-Hitzeschild schützt die Fracht beim Wiedereintritt.

Doppelte Mission, doppeltes Risiko

Nach dem Abwurf der Probenkapsel geht die Reise weiter: Ein Swing-by um die Erde schleudert Tianwen-2 hinaus zum aktiven Asteroiden 311P/PANSTARRS, den sie etwa 2035 erreichen soll. Dieses Objekt im Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter zeigt phasenweise sechs feine Staubschweife, kein echter Komet, eher ein rotierender Geröllhaufen, der durch Zentrifugalkräfte Material verliert. Die Sonde wird ihn über ein Jahr lang beobachten und Daten über Staub, Ausgasungen und Rotationsverhalten sammeln.

Damit wird Tianwen-2 womöglich die erste Mission, die einen Asteroiden und einen Kometen in einem Flug erforscht. Ein Kunstgriff, den bisher nur wenige Sonden wie die NASA-Mission Dawn (Vesta und Ceres) annähernd geschafft haben.

Ingenieurskunst im interplanetaren Raum

Die Sonde wiegt rund zwei Tonnen und wird vom chinesischen Institut CAST gebaut. Auffällig sind die großen runden Solarmodule und die parabolische Hochgewinnantenne. Der elektrische Ionentriebwerk-Antrieb sorgt für wochenlanges sanftes Beschleunigen, chemische Triebwerke übernehmen die Grobmanöver. Autonome Navigationssysteme mit optischen Sensoren, Lidar und Laser-Navigation halten den Kurs zum nur 50-Meter-Zielkörper. Millimetergenau, bei kaum messbarer Gravitation.

Elf Instrumente sind an Bord: Kameras, die jede Pore des Asteroiden erfassen, Radargeräte, die unter die Oberfläche blicken, und Sensoren, die Gas und Staub analysieren. Infrarot- und Thermalspektrometer entschlüsseln die mineralogische Zusammensetzung, Magnetometer ziehen geologische Rückschlüsse. Einige Systeme entstanden in Kooperation mit europäischen und russischen Forschungseinrichtungen.

Warum das alles?

Die Probe von Kamoʻoalewa könnte Hinweise liefern, ob Bruchstücke des Mondes tatsächlich noch in Sonnennähe kreisen und wie sich solche »kosmischen Fossilien« im All verändern. Der zweite Teil der Mission, 311P, soll zeigen, wie Objekte des Asteroidengürtels aktiv werden können, obwohl sie längst ihr Eis verloren haben. Damit verbindet Tianwen-2 Mondgeologie, Asteroidenkunde und Kometenphysik in einem Projekt.

Nebenbei liefert die Mission Technologieerfahrung für zwei Zukunftsfelder, die China offen benennt: Asteroidenabwehr und Asteroidenbergbau. Plausibel, dass das nicht die letzte Sonde dieser Art sein wird.

Chinas Weg zur planetaren Großmacht

Nach der Marsmission Tianwen-1 und den erfolgreichen Mondlandungen der Chang’e-Serie ist Tianwen-2 ein logischer, aber schwieriger Schritt. Er demonstriert nicht nur technologische Reife, sondern auch den wissenschaftlichen Ehrgeiz, der einst von den USA und Japan dominiert wurde. Sollte die Rückkehrmission gelingen, wäre China die dritte Nation, die unberührte Proben eines Asteroiden zur Erde bringt.

Es bleibt nicht bei Tianwen-2. Mit Tianwen-3 plant China eine Mars-Probenrückkehr (voraussichtlich 2028), mit Tianwen-4 eine Jupiter-Mission (2029). Das Tempo ist bemerkenswert.

Und falls Kamoʻoalewa tatsächlich ein Mondbruchstück ist, dann kreist ein Teil unseres Nachbarn seit Jahrmillionen unerkannt um die Sonne.

Quellen

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