Vera C. Rubin Observatory: Die größte Kamera der Welt filmt das Universum

Vera C. Rubin Observatory auf dem Cerro Pachón in Chile
Rubin Observatory im April 2021. NOIRLab, CC BY 4.0

Das Vera C. Rubin Observatory wird den Himmel in einen Film verwandeln. Irgendwo in der chilenischen Atacama-Wüste, auf dem 2.682 Meter hohen Cerro Pachón, steht eine Maschine, die das kann. Keine Momentaufnahme, kein Schnappschuss. Ein Zeitraffer des gesamten sichtbaren Universums, aufgenommen über zehn Jahre. Alle drei Nächte wird das Observatorium den kompletten Südhimmel scannen und dabei mehr Daten sammeln als alle optischen Teleskope der Geschichte zusammen.

Im Juni 2025 öffnete das Observatorium zum ersten Mal sein Auge. Die Bilder, die es zur Erde funkte, zeigten Gasnebel in einer Detailtiefe, die selbst erfahrene Astronomen überraschte. Doch das war nur der Anfang. Anfang 2026 beginnt der eigentliche Survey, und mit ihm eine neue Ära der Astronomie.

Eine Kamera groß wie ein Kleinwagen

Das Herzstück des Rubin Observatory ist keine gewöhnliche Kamera. Mit 3,2 Milliarden Pixeln ist sie die größte Digitalkamera, die je für die Astronomie gebaut wurde. Ein Instrument von der Größe eines SUV, fast drei Tonnen schwer, mit einer Brennebene von 64 Zentimetern Durchmesser. Um ein Foto dieser Auflösung auf einem handelsüblichen Bildschirm anzuzeigen, bräuchte man 378 4K-Fernseher nebeneinander.

Die 189 hochempfindlichen CCD-Sensoren sind so präzise gefertigt, dass ihre Oberfläche auf 15 Mikrometer genau plan ist, weniger als ein Viertel der Dicke eines menschlichen Haares. Sie erfassen Licht vom nahen Ultraviolett bis ins nahe Infrarot, und das gesamte Bild wird in nur zwei Sekunden ausgelesen. Alle 20 Sekunden kann die Kamera eine neue Aufnahme machen.

Montiert ist diese Kamera auf dem 8,4-Meter-Simonyi-Surveyteleskop, dessen Design drei Spiegel in einem kompakten System vereint. Das Ergebnis ist ein Gesichtsfeld von 9,6 Quadratgrad, etwa 40-mal die Fläche des Vollmonds. Kein anderes Teleskop dieser Leistungsklasse kann einen so großen Himmelsausschnitt auf einmal erfassen.

Der größte Film aller Zeiten

Was das Vera C. Rubin Observatory von allen anderen Teleskopen unterscheidet, ist nicht nur seine Größe, sondern seine Strategie. Der Legacy Survey of Space and Time (LSST) wird den gesamten sichtbaren Südhimmel alle drei bis vier Nächte vollständig abbilden. Über zehn Jahre entsteht so ein Film des Universums, ein Zeitraffer, der alles erfasst, was sich bewegt, blinkt, explodiert oder verändert.

Supernovae, die in fernen Galaxien aufleuchten. Asteroiden, die durch unser Sonnensystem rasen. Sterne, die rhythmisch pulsieren. Galaxienkerne, die plötzlich aktiv werden. All das wird Rubin in Echtzeit entdecken und innerhalb von 60 Sekunden automatische Alarme an Teleskope weltweit senden.

Die Zahlen sind beachtlich: 20 Terabyte Rohdaten pro Nacht. Bis zu 20 Milliarden Galaxien und eine ähnliche Zahl von Sternen, katalogisiert über die Laufzeit des Surveys. Fünf bis sechs Millionen neu entdeckte Objekte im Sonnensystem, darunter ein Großteil der potenziell gefährlichen Asteroiden in Erdnähe. Die Daten werden frei zugänglich sein.

Vera C. Rubin Observatory: Innenansicht der LSST-Kamera
Das türkisfarbene Innere des Vera C. Rubin Observatory. Ende 2025 beginnt die zehnjährige Legacy Survey of Space and Time (LSST). NSF–DOE Vera C. Rubin Observatory/NOIRLab/SLAC/AURA/W. O’Mullane, CC BY 4.0

Die Jagd auf Planet Neun

Eine der spannendsten Fragen, die Rubin beantworten könnte, betrifft einen hypothetischen Himmelskörper am äußersten Rand unseres Sonnensystems. Seit 2016 mehren sich die Indizien für Planet Neun, einen noch unentdeckten Planeten, etwa vier- bis fünfmal so schwer wie die Erde, der die Bahnen ferner Kuipergürtel-Objekte beeinflusst. Bisherige Suchkampagnen haben 78 Prozent des vorhergesagten Parameterraums bereits ausgeschlossen, ohne fündig zu werden.

Der hypothetische Planet versteckt sich vermutlich in den sternreichen Feldern der galaktischen Ebene, wo die Nadel im Heuhaufen verschwindet. Rubin wird diese Region mit einer Tiefe durchmustern, die kein anderer Survey erreicht. Wenn Planet Neun existiert und heller als Magnitude 24 ist, wird Rubin ihn finden. Und selbst wenn nicht: Die Tausenden neuen transneptunischen Objekte, die der Survey entdecken wird, werden die statistische Basis so erweitern, dass die Frage nach seiner Existenz womöglich endgültig geklärt werden kann. Wie lang und verschlungen die Geschichte der Suche nach Planet X bereits ist, zeigt, dass solche Jagden Generationen dauern können.

Das Unsichtbare kartieren

Vera Rubin widmete ihr Leben der Dunklen Materie, jener rätselhaften Substanz, die wir nur durch ihre Schwerkraft spüren. Ihr Teleskop wird diese Arbeit auf eine neue Ebene heben. Durch die präzise Vermessung von Milliarden Galaxien wird Rubin kartieren, wie die Dunkle Materie im Universum verteilt ist, nicht direkt, sondern durch den Gravitationslinseneffekt, bei dem das Licht ferner Galaxien auf seinem Weg zur Erde durch unsichtbare Massekonzentrationen abgelenkt wird.

Diese Karten werden nicht nur zeigen, wo die Dunkle Materie heute ist, sondern auch, wie sie sich im Laufe der kosmischen Geschichte verklumpt hat. Zusammen mit den Messungen der Expansion des Universums wird Rubin fundamentale Fragen über die Dunkle Energie beantworten helfen, jene noch rätselhaftere Kraft, die das Universum immer schneller auseinandertreibt.

Als Vera Rubin einmal gefragt wurde, was das Verhältnis von Dunkler zu sichtbarer Materie über uns aussage, antwortete sie: »Ein Faktor zehn. Das ist wahrscheinlich auch ein gutes Maß für das Verhältnis unserer Unwissenheit zu unserem Wissen. Wir sind aus dem Kindergarten heraus, aber etwa in der dritten Klasse.« Das nach ihr benannte Observatorium könnte uns in die weiterführende Schule bringen.

Wer war Vera Rubin?

Als Vera Rubin 1965 als erste Frau am legendären Palomar-Observatorium beobachten durfte, gab es dort keine Damentoilette. Sie bastelte sich ein Schild mit einer Strichfigur im Rock und klebte es an die Tür der Herrentoilette. »Jetzt gibt es eine«, sagte sie. Diese pragmatische Entschlossenheit prägte ihr ganzes Leben.

Geboren 1928 in Philadelphia, baute sie als Zehnjährige mit ihrem Vater ein Teleskop aus Kartonrohren. Ein Professor sagte ihr später, Frauen gehörten nicht in die Astronomie. Sie antwortete mit Daten. Zusammen mit dem Instrumentenbauer Kent Ford untersuchte sie in den 1970er Jahren, wie schnell Sterne in Spiralgalaxien um ihre Zentren kreisen. Was sie fand, passte nicht zu den Gesetzen der Physik.

Die Sterne am Rand der Galaxien bewegten sich genauso schnell wie die im Zentrum, als würde ein Planet am äußersten Rand unseres Sonnensystems genauso schnell um die Sonne rasen wie der Merkur. Das war unmöglich, es sei denn, eine gewaltige Menge unsichtbarer Materie hielt die Galaxien zusammen. Rubin hatte den überzeugendsten Beweis für die Existenz der Dunklen Materie gefunden, jener rätselhaften Substanz, die heute als etwa 85 Prozent aller Materie im Universum gilt. Vera Rubin starb 2016.

Quellen

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